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Forschungsprojekt "Fehlerkultur in der Schule"

in Lehrerzimmer 12.07.2003 13:06
von Joez | 351 Beiträge
aus: NZZ am Sonntag, Wissen, 24. März 2002

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Das Forschungsprojekt «Fehlerkultur in der Schule» zeigt, dass unsere
Lehrpersonen zu oft über Fehler hinwegsehen. Was kann man daraus lernen?

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Von Kathrin Meier-Rust

Ob große oder kleine, ob Rechen- oder Grammatik-, ob moralische oder
orthographische - in erster Linie und prinzipiell sind Fehler unbeliebt.
Zwar werden sie - für Noten - gerne gezählt. Doch noch lieber werden sie
ausgemerzt, verbessert, totgeschwiegen oder übergangen. Wie in jener
Situation, die jeder aus der Schule kennt. Die Lehrerin stellt eine Frage:
«Wie berechnet man den Umfang eines Rechtecks?» Der erste aufgerufene
Schüler antwortet: «Länge mal Breite». Wortlos, leicht ungeduldig wendet
sich die Lehrerin an den nächsten Schüler, der sich meldet, und erhält die
Antwort: «Länge plus Breite mal zwei». Richtig. Alles atmet auf, der
Unterricht kann weitergehen.

«Das Bermudadreieck» nennt Fritz Oser diese typische und scheinbar harmlose
Fehlersituation. Denn mit dem wortlosen Übergehen der falschen Antwort wird
nicht nur der Schüler, der sie gab, sozusagen zum Verschwinden gebracht. Es
verschwindet vor allem auch der Nutzen, die Erhellung, die seine falsche
Antwort hätte bieten können: In diesem Falle der wesentliche Unterschied
zwischen einer Fläche und einer Strecke, zwischen einer Multiplikation und
einer Addition. Oder wie Oser formuliert: «Das Lernpotenzial dieser
Situation verschwindet wie ein Flugzeug im Bermudadreieck.»

Fritz Oser, Professor für Pädagogik an der Universität Freiburg, ist Leiter
eines Forschungsprojektes zur Frage «Lernen Menschen aus Fehlern? - Zur
Entwicklung einer Fehlerkultur in der Schule», ein vom Nationalfonds
unterstütztes Projekt, welches nach fünfjähriger Arbeit nun abgeschlossen
wird. Ausgehend von der simplen Tatsache, dass Fehlermachen zu jedem
Lernprozess gehört, sollte der produktive Umgang mit dem Fehler gesucht
werden - eine positive Fehlerkultur also, die Oser so beschreibt:
«Lehrpersonen müssen wissen, dass Kinder besonders viel lernen an dem, was
sie falsch machen, und dass es ein Spannungsverhältnis gibt zwischen dem
Richtigmachen und dem Falschmachen.» Fehlerkultur ist mithin das Bewusstsein
für das Lernpotenzial des Fehlermachens.

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Märchen erzählen
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Dieses Bewusstsein beruht auf der von Fritz Oser entwickelten «Theorie des
negativen Wissens». Negatives Wissen ist das Wissen darüber, was falsch ist,
wie etwas nicht ist oder nicht funktioniert und was man nicht tun sollte.
Wie sich leicht am Beispiel des Piloten, des Chirurgen oder auch jedes
Autofahrers verstehen lässt, ist negatives Wissen ein Schutzwissen: Es
schützt uns davor, falsch zu denken, zu handeln oder zu entscheiden. Wie ein
Kontrastprogramm erhellt erst das Falsche auch das Richtige: «Man versteht
eine Sache oft erst richtig, wenn man das Falsche sieht oder erlebt oder
tut», präzisiert Oser.

Negatives Wissen kann auf verschiedene Weise erworben werden: Im moralischen
Bereich zum Beispiel über Geschichten, Märchen und Fabeln, die falsches
Verhalten und seine Konsequenzen zeigen und mit dem richtigen Verhalten
vergleichen. Im praktischen Handeln durch die negative Erfahrung einer
Brandblase oder eines Blechschadens. Doch der eigentliche Königsweg zum
negativen Wissen führt, wie beim Piloten im Simulator, über den allseits
verpönten Fehler: Fehler sind aus dieser Sicht nichts anderes als ein
Mittel, um negatives Wissen aufzubauen und positives gleichzeitig zu
betonen. Das Fehlermachen sowie das Lernen aus Fehlern sollte deshalb
genauer erforscht werden.

Die Freiburger Fehlerforschung begann zunächst mit einer Sammlung von
Fehlersituationen aus Videoaufnahmen echter Schulstunden. Das erwähnte
Bermudadreieck erwies sich als Schlüsselszene einer Didaktik der
Fehlervermeidung, die im mündlichen Frontalunterricht unserer Schulen
offensichtlich gang und gäbe ist. Die Videodokumentation zeigt die Szene in
mehreren Varianten. Im Unterschied zur Lehrperson, die sich nach einer
falschen Antwort sofort mit Blick und Körperhaltung dem nächsten Schüler
zuwendet, behält die Kamera dabei jeweils den falsch antwortenden ersten
Schüler im Auge und dokumentiert seine Enttäuschung, eine Art
«Zusammensacken», wie Fritz Oser es nennt.

Eine weitere Studie widmete sich daraufhin der Körpersprache von
Lehrpersonen in der Fehlersituation. Schüler, so zeigte sich, empfinden es
als negativ, wenn die Lehrperson nach einer falschen Antwort den Blick
abwendet. Ebenso, wenn die Lehrperson auf sie zeigt. Je älter Schüler sind,
desto unangenehmer ist ihnen überdies eine allzu große Nähe der Lehrperson.
Erwünscht ist dagegen, wenn die Lehrperson einen Schritt zurücktritt, den
Schüler jedoch anblickt. Einfache Rezepte gebe es aber auch hier nicht,
erklärt die Projektleiterin und Psychologin Maria Spychiger. Kinder und
Jugendliche hätten ein gutes Gespür dafür, wie eine Lehrperson etwas meint.

Als nächstes suchte eine biographische Studie über Tiefeninterviews dem
lebensgeschichtlichen Lernen aus Fehlern auf die Spur zu kommen: Während
junge Menschen eine große Zahl kleiner Fehler und Verfehlungen nennen, sind
es bei älteren Menschen oft nur wenige, aber grundlegende Fehler - oft auch
Unterlassungsfehler -, aus denen sie fürs Leben gelernt haben.

Durch diese biographische Forschung sei vor allem klar geworden, dass
Menschen besonders viel lernen aus Fehlern, die an ihnen begangen werden,
erzählt Maria Spychiger, «wahrscheinlich mehr als aus denjenigen, die sie
selber begehen». Und während die psychoanalytische Theorie davon ausgeht,
dass erlittene Fehler fast zwangsläufig an die eigenen Kinder weitergegeben
werden, zeigten die Interviews, dass sich die meisten Menschen große Mühe
geben, gerade dies nicht zu tun.

Als nächstes folgte eine Bestandesaufnahme zum heutigen Umgang mit Fehlern
in der Schule. Eine Befragung von 645 Schülerinnen in 33 Freiburger
Schulklassen der Mittel- und Oberstufe ergab, dass zwischen einzelnen
Schulen zwar Unterschiede bestehen, dass aber gesamthaft die Fehlerkultur
recht gut ist; immerhin fühlt sich nur eine Minderheit von 10 Prozent der
Schüler in Fehlersituationen beschämt oder bloßgestellt. Doch den
produktiven Umgang mit den eigenen Fehlern scheinen Schüler wie Lehrer noch
wenig zu kennen.

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Ermutigung, Vertrauen
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Daraufhin wurde in einem praktischen Versuch geklärt, ob und wie bei einer
guten Fehlerkultur aus Fehlern gelernt wird. In sechs Klassen einer
Realschule in Thalwil (ZH) wurde in enger Zusammenarbeit mit den
Lehrpersonen je ein Fehlverhalten ins Visier genommen. Ob das Ziel nun eine
Verbesserung des Sozialverhaltens, besseres Diskutieren oder Genauigkeit im
geometrischen Zeichnen war - die Interventionen folgten immer einem ganz
bestimmten Ablauf, wurden genau dokumentiert und vor allem: Sie zeigten in
fast allen Fällen Wirkung.

Eine positive Fehlerkultur - so das Gesamtergebnis - zeichnet sich zunächst
dadurch aus, dass dem Fehler Platz und Zeit eingeräumt wird: Fehlermachen
ist erlaubt, an Fehlern wird gearbeitet, das Erhellungspotenzial des Fehlers
wird benutzt. Dies in bewusstem Gegensatz zu behavioristischen
Vorstellungen, die das fehlerlose Lernen in kleinsten Lernschritten zum
Prinzip erheben, und auch zur kognitiven Psychologie, die möglichst wenig
Energie auf das Falsche verwendet sehen möchte.

Die Leistungsbeurteilung anhand von Fehlern sollte zudem erst am Schluss
einer Lernphase und keineswegs bereits während der Übungsphase stattfinden:
das verhasste «Überraschungsex» ist also vielleicht eine wirksame Strafe,
aber eine wenig produktive didaktische Maßnahme.

Eng mit diesen Faktoren verbunden ist schließlich ein Lernklima der
Ermutigung, des Vertrauens und des Abbaus von Angst. Dass «negative
Emotionen dem Lernen ungünstig sind», wie es in einer ersten
Projektbeschreibung heißt, galt zunächst als selbstverständlich. Zwar werden
Schüler heute von Lehrern kaum mehr offen bloßgestellt oder gar bestraft
wegen eines Fehlers. Andererseits braucht es unter Umständen nicht viel,
damit sich ein Schüler beschämt fühlt - das Lachen der Mitschüler genügt.
Das Lachen ist, ebenso wie das leise Sprechen, eine auffallend häufige
Begleiterscheinung von Fehlersituationen.

Gerade in Bezug auf negative Emotionen rund ums Fehlermachen führten die
Forschungsergebnisse jedoch zu einer differenzierten Sicht der Dinge. Schon
die Fragebogen-Erhebung hatte in Bezug auf negative Schüler-Emotionen
nämlich eine gewisse Doppeldeutigkeit gezeigt: Im Unterschied zu anderen
Faktoren - Motivation, Leistung, Freude an der Schule - ließen sich negative
Emotionen nicht eindeutig zuordnen: Die völlige Abwesenheit von negativen
Gefühlen korrelierte nämlich weniger mit einer besonders guten Fehlerkultur
als mit mangelnder Aufmerksamkeit und Gleichgültigkeit.

Die Interventionsstudie zum Lernen aus Fehlern zeigte weiter, dass
Fortschritte und Langzeitwirkung dann am ausgeprägtesten waren, wenn es um
Themen ging, die den sozial-emotionalen Bereich ansprachen, die also
Entrüstung oder Scham oder einen gewissen Ärger weckten, wie es etwa die
Themen Verbesserung des Sozialverhaltens oder besseres Diskutieren tun. Bei
rein kognitiven Themen, zum Beispiel beim genaueren Konstruieren in der
Geometrie, ließen sich dagegen weniger Veränderungen erreichen. Die
Fehlerforschung zieht daraus den Schluss, dass die Entwicklung einer
Fehlerkultur immer auch die Emotionen ansprechen muss.

Braucht es also gewissermaßen die «gesunde Portion» Angst oder Scham, um aus
Fehlern lernen zu können? Im Schlussbericht des Forschungsprojektes hält
Fritz Oser fest: Negative Emotionen wie Scham oder Ärger (über sich selbst)
sind offensichtlich für den Aufbau des negativen Wissens von großer
Bedeutung, negatives Wissen scheint geradezu gekoppelt mit negativen
Emotionen. Entscheidend ist dabei allerdings - so die Hypothese Osers - dass
diese Gefühle vom Individuum selbst initiiert werden. Entsteht das negative
Gefühl durch eine Gefährdung oder Bloßstellung von außen, wird die
Abwehrhaltung so groß, dass die Person die Sache selbst, den eigentlichen
Lerninhalt, aus den Augen verliert.


Heute werden Fehler kaum mehr drakonisch bestraft - ganz im Gegenteil:
«Heute werden Fehler banalisiert, nicht ernst genommen, durchgelassen. Und
dann kommt die Klage, dass unsere Schüler zu wenig wissen.» Fritz Oser sieht
ein Problem der heutigen Schulkultur darin, dass Lehrpersonen oft nicht auf
klaren Anforderungen bestehen, weil sie diese für psychologisch schädlich
halten. Er nennt dies die Verkitschung der Pädagogik im Namen einer
Wohlbefindenskultur, die jeden Zusammenhang mit Leistung zu verlieren droht.

Hier soll die Fehlerkultur mit ihrer klaren und thematisierten
Unterscheidung zwischen richtig und falsch ansetzen, soll die Möglichkeit
dafür schaffen, dass wieder vermehrt klare Erwartungen formuliert werden.
...


zuletzt bearbeitet 28.09.2005 14:09 | nach oben springen


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